Wahrheit und Zeit – Wo liegt die Wahrheit einer spurlosen Vergangenheit?
Ist eine Aussage über die Zukunft bereits heute wahr oder falsch? Und warum sind wir so selbstverständlich davon überzeugt, dass Aussagen über die Vergangenheit einen feststehenden Wahrheitswert besitzen, selbst wenn keinerlei Spuren des vergangenen Geschehens mehr existieren?
Die Arbeit Truth and Time untersucht diese Fragen anhand zweier Gedankenexperimente. Zunächst geht es um die Aussage, der Himalaja werde im Jahr 2050 eisfrei sein. Hat dieser Satz bereits heute einen bestimmten, uns lediglich unbekannten Wahrheitswert, oder wird seine Wahrheit erst durch das zukünftige Geschehen bestimmt?
Das zweite Gedankenexperiment betrifft die Herstellung eines homöopathischen Globulus. Wurde dabei ursprünglich Quecksilber verwendet, obwohl nach der Verdünnung keinerlei Spuren mehr vorhanden sind und auch sämtliche Aufzeichnungen fehlen? Wir nehmen gewöhnlich an, dass die Aussage dennoch entweder wahr oder falsch ist. Doch wo ist diese Wahrheit philosophisch zu verorten, wenn das vergangene Ereignis nicht mehr vorliegt und keine seiner Spuren erhalten geblieben ist?
Die Untersuchung bezieht auch klassische Zufallsentscheidungen und quantenmechanische Superpositionen ein. Sie führt zu einem konditionalen Nichtrekonstruierbarkeitssatz: Wenn zwei unterschiedliche Vergangenheiten zu exakt derselben gegenwärtigen physikalischen Wirklichkeit führen, lässt sich aus dieser Gegenwart allein nicht bestimmen, welche Vergangenheit tatsächlich vorlag.
Daran schließt sich die zentrale ontologische Frage an: Wo liegt die Wahrheit einer vollständig spurlosen Vergangenheit? In einer vierdimensionalen Raumzeit, in gegenwärtigen Eigenschaften der Welt, in einer idealen Wirklichkeit, im Denken eines allwissenden Wesens – oder benötigt Wahrheit möglicherweise überhaupt keinen eigenständigen Wahrmacher?
Ein wesentliches Ergebnis lautet: Kausalität erklärt die Entstehung der Gegenwart, garantiert aber nicht, dass die gesamte Vergangenheit aus ihr rekonstruierbar ist.
Die Arbeit behauptet weder, die Vergangenheit sei ontologisch offen, noch, die klassische zweiwertige Logik sei widerlegt. Sie zeigt vielmehr, dass die angenommene vollständige Wahrheitsbestimmtheit einer spurlosen Vergangenheit einer eigenständigen philosophischen Begründung bedarf.
Damit wird eine vermeintliche Selbstverständlichkeit zu einer offenen ontologischen Frage.
Veröffentlichung:
Eigler, D. (2026). Truth and Time: Future Contingents, a Traceless Past, Quantum Alternatives, and the Philosophical Locus of Truth. Zenodo.