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Glaubenszeugnis am 23. 8. 2026, 21. So Jk A (Mt 16,13-20, Jes 22,19-23)
Der Sohn fragt bei einem Familienbesuch des Petersdoms: „Was soll er denn tun?“
Was er denn meine, wird er gefragt.
„Na, da steht doch: Tu es Petrus“ und zeigt dabei an die Deckenbrüstung des Petersdoms.
In großen Lettern prangt da der Spruch „Tu es Petrus“.
Man erklärt dem Jungen, das sei Latein und hieße „Du bist Petrus“, ein Spruch von Jesus, der da lautete „Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.“
Die Theologin Annette Jantzen meint ja, Petros bedeute im Griechischen eher Stein, nicht Fels. Fels müsste Petra heißen. Ich füge hinzu: Ein Mensch ist kein unerschütterliches Gebirge. Petrus schon gar nicht. Er ist einer, der bekennt und kurz darauf versagt.
Im Petersdom steht dieser Satz nicht zufällig so groß geschrieben. Die Kirche von Rom hat sich immer als Erbin des Petrus und seiner Schlüsselvollmacht verstanden. Aber das Missverständnis des Kindes stellt eine wichtigere Frage: Nicht nur, wer Petrus ist, sondern was Petrus tun soll. Was soll er tun fragte der Bub, der kein Latein sprach.
Ja, was soll sie tun, die Kirche, die ecclesia?
Ob Jesus selbst bereits an eine Kirche in ihrer späteren institutionellen Gestalt gedacht hat, dürfen wir mit guten Gründen bezweifeln. Sicher ist: Er hat keine Institution um ihrer selbst willen gegründet, sondern Menschen in die Nähe des Reiches Gottes gerufen.
Was bedeutet es, wenn die Kirche sich als Hüterin der Schlüssel zum Himmelreich versteht und sogar erklärte: Extra ecclesiam nulla salus – außerhalb der Kirche kein Heil?
Ein Priester hat mich bei einer Beichte einmal ernsthaft ermahnt, ja oft beichten zu gehen, um keine Sünden beim Beichten zu vergessen, denn wenn ich beim Gericht noch ungebeichtete Sünden hätte, dann würde es sehr schwierig. Sollte heißen: wenn nicht die Absolution durch einen Priester der Kirche gesprochen wurde, sind Gott im Gericht die Hände gebunden. Ob Gott will oder nicht: er / sie müsste mich in die Hölle verbannen, da er / sie keine Möglichkeit hat, nach dem Tod noch Sünden zu vergeben.
Das ist gewiss nicht mehr die aktuelle und alleinige Lehre der Kirche. Aber es war das Gottesbild, das bei mir ankam: als wären Gott ohne die rechtzeitig ausgesprochene kirchliche Formel die Hände gebunden.
Ist es das, was die Kirche tun soll (tu es Petrus)?
Angst machen und Gott seine ureigenen Kompetenzen strittig machen?
Ist das nicht Anmaßung?
Meiner Meinung nach ist die Delegation göttlicher Vollmacht an die Kirche lediglich ein zusätzliches Instrument der Erlösung, keineswegs eines der Auslieferung an ein nun menschliches Gericht anstelle des göttlichen.
Menschen leiden unter vielem: Angst, Schuld, Verzweiflung, Krankheit, Not. Daher ist die Kirche bevollmächtigt, mit Gott etwas gegen diese Leiden zu tun. Dazu ist sie bevollmächtigt, ganz in der Nachfolge Jesu: auf die Ausgestoßenen, die Minderwertigen, die Unterdrückten zuzugehen und sie in die Gemeinschaft zurückzuführen, ja sie sogar aufs Podest zu heben: die Letzten sollen die Ersten sein im Reich Gottes.
Wer es ordentlich verbockt hat, erhält nicht nur eine neue Chance, sondern einen Vertrauensvorschuss wider alle Hoffnung. Vielleicht wird dieses Vertrauen enttäuscht. Vielleicht riecht alles schon hundert Meter gegen den Wind nach Fehlinvestition. Und dennoch beginnt das Reich Gottes dort, wo Menschen nicht endgültig auf ihre Fehler festgelegt werden. Nicht nur siebenmal. Sieben mal siebzigmal dürfen wir neu anfangen.
Kirche, die nur für diejenigen da ist, die auch für sie da sind, hat – im Sinne des Reiches Gottes Jesu – ihr Ziel verfehlt, dafür braucht es keine Kirche.
Lösen, was verkrampft ist und aufrichten, was verkrümmt ist.
Binden, was verbunden werden muss, und bei Bedarf den Verband wechseln – das sind Aufgaben der Kirche -neuer Wein für neue Schläuche, nicht immer nur das Alte, Gleiche.
Das heißt: zulassen, dass Verbrauchtes sich löst und so manches nach Neuem lechzt.
Ein Blick auf die erste Lesung zeigt: Gottes Zuwendung bleibt, aber eine anvertraute Vollmacht ist kein unverlierbarer Besitz. Die Vollmacht hat dort Grenzen, wo andere übervorteilt werden.
Der bevollmächtigte Torwächter wird vom Propheten im Namen Gottes abgesetzt und durch einen anderen ersetzt. Er hat auf dem Kerbholz. Gott ist nicht wankelmütig, aber er/sie zieht Konsequenzen, wenn Vertrauen trotz Ermahnung zur Besserung nachhaltig missbraucht wird.
Kirche, lass Dir diese erste Lesung eine Mahnung sein!
Die Zusage aus dem Evangelium „Tu es Petrus“ gilt, ganz klar. Aber sie hat dort ihre Grenzen, wo sie nicht zur Freiheit der Kinder Gottes befreit, sondern einer Angstmacherei vor Gott und ihren / seinen Strafen Vorschub leistet und damit die Botschaft der unendlichen Liebe übertönt.
Nachfolge Jesu heißt an allererster Stelle einmal sein Evangelium zu verkünden: die gute Nachricht von der Liebe des barmherzigen Gottes und ihrer / seiner überreichen den Menschen zugewandten Liebe.
Vor einigen Wochen, während unseres Urlaubs, waren wir in einer Kirche, wo der Priester viele Gebete mit dem Rücken zur Gemeinde und dem Altar zugewandt gebetet hat.
Wo ist Gott?
Eine Woche später haben wir dann in einer Halle mit der Feuerwehr gefeiert und der Priester – natürlich war dies ein anderer – war ganz den Anwesenden zugewandt. Ein Teil davon andächtig, ein Gutteil schon mit dem ersten Bier am Tisch und möglicherweise nicht 100%ig bei der Sache.
Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter Ihnen, zitierte der Priester Jesus.
Er bedeutete dadurch – ins Volk gewandt: Da ist Gott. Da mitten unter uns Menschen.
Es geht nicht darum, jede Gebetsrichtung zu beurteilen. Ein Priester kann zum Altar gewandt sein und dennoch mit den Menschen beten. Und einer kann die Menschen anschauen und sie dennoch nicht sehen. Aber an diesen beiden Sonntagen habe ich einen Unterschied gespürt: Im einen Raum schien Gott weit vorne, jenseits der Gemeinde, zu wohnen. Im anderen wurde gesagt und gezeigt: Gott ist hier, mitten unter uns Menschen.
Vielleicht ist die entscheidende Frage also nicht: Wer besitzt die Schlüssel?
Sondern: Was tun wir mit ihnen?
Schließen wir ab – oder schließen wir auf?
Halten wir Menschen fest – oder lösen wir, was sie bindet?
Machen wir Angst vor Gott – oder öffnen wir einen Raum, in dem Menschen der Barmherzigkeit Gottes begegnen können?