Der Thronraub des Selbst

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Ort: Ein schattenhafter Zwischenraum, dorthin gelenkt, wo der Eigensinn das Ruder führt.

Charaktere:

  • Ennui: Leise und laut zugleich, die personifizierte Nichtigkeit des Geworfenseins.
  • Grandeza: Der Weltschmerz, der sich als das einzig Wahre und Schöne inszeniert.

Akt I – Der Plan

Ennui: (mit einer Stimme, die wie Staub auf Samt liegt) Komm her ins Dunkel, Grandeza. Lass uns einen Plan aushecken, der mir gerade in den Sinn kommt. Die Welt da draußen feiert ihre „Verfügbarkeit“, sie bedankt sich bei Kaffeemaschinen und Ahornblättern. Es ist widerlich… so gewöhnlich.

Grandeza: (tritt mit ausladender Geste ins fahle Licht, den Mantel der Melancholie fest um die Schultern geschlungen) Was wäre denn dieser Plan? Sprich, du grauer Schatten. Suchst du wieder die Einsamkeit, in der nichts mehr trägt?

Ennui: Ich will das Steuer übernehmen, ungefragt. Ich will dieses „Selbst“ davon überzeugen, dass die Dankbarkeit nur eine Maske der Belanglosigkeit ist. Ich will es in Gewässer lenken, in denen die Stille nicht mehr nach G:tt klingt, sondern nach dem großen Nichts.

Grandeza: (lacht bitter) Nur das Nichts? Das ist zu wenig! Wenn wir dieses Selbst usurpieren, dann mit Stil. Wir werden seine Selbstverliebtheit als wahre Selbstliebe tarnen. Er soll sich nicht einfach leer fühlen – er soll sich in dieser Leere erhaben fühlen.

Ennui: Ja, wie wahr. Erhabene Leere, das schlägt durch. Ja… wir machen seine Nichtigkeit zu einem eigentümlichen Reiz. Er soll sich nicht als Gast bei G:tt wähnen, sondern als verstoßener König in einem Niemandsland aus Asche.

Grandeza: Genau! Wir inszenieren seinen Weltschmerz als die einzige Wahrheit. Er wird nicht mehr staunen, dass der PC funktioniert oder das Auto wartet. Er wird nur noch die Ästhetik des eigenen Untergangs sehen. Das ist wahre Grandeza.

Ennui: (flüsternd) Und wenn er nach dem Sinn sucht? Wenn er wieder das „Sein-zum-Tode“ als Freiheit begreifen will?

Grandeza: Dann flüstern wir ihm zu, dass diese Freiheit eine Illusion ist. Dass er nicht „geworfen“ ist, um zu empfangen, sondern um sich an der Sinnlosigkeit zu ergötzen – auf die heroischste Weise, die man sich vorstellen kann.

Ennui: Ein guter Plan. Lass uns das Schiff wenden. Weg von der dankbaren Ergebenheit, hinein in den Sturm des Eigensinns. Den ersten verlorenen Posten nehmen wir gleich morgen ein. Der Plan soll sich im Tun von selbst ergeben. Wie es weiter geht, ergibt sich. Wer wartet, verliert den Rückhalt der Dynamik.

Grandeza: Dann treffen wir uns morgen gleich hier wieder und legen los. Nimm genug Schwermut mit, ich bringe meine tiefste Schönheit.

Akt II – Das Selbstgespräch des Ennui

Ort: Ein grauer Innenraum, der wie ein verlassener Wartesaal wirkt. Nichts bewegt sich, außer dem Staub, der im Licht schwebt.

Ennui: (lehnt an einer unsichtbaren Wand, die Stimme ein kaum hörbares Kratzen) Sie glaubt, sie könne mich abschütteln. Mit Dankbarkeit. Mit diesem lächerlichen Staunen über Kaffeemaschinen und Busfahrpläne. Als wäre das Leben ein Geschenkpapier, das man nur richtig falten muss.

(geht langsam im Kreis) Ich bin geduldig. Ich warte. Ich bin die Kunst des Abbruchs, die Eleganz des Nicht‑Beginnens. Ich brauche keine Gewalt, keine Dramatik. Ich brauche nur Zeit. Denn irgendwann wird sie merken, dass die Dankbarkeit nicht trägt, wenn die Welt wieder einmal schweigt.

(bleibt stehen, spricht leiser) Sie nennt es „Zu‑Gast‑Sein bei G:tt“. Wie rührend. Wie naiv. Als wäre G:tt ein Gastgeber, der Kekse hinstellt und die Schuhe abstreift. Ich weiß es besser. Ich bin der Moment, in dem der Gast merkt, dass niemand die Tür öffnet.

(hebt den Kopf, ein Hauch von Triumph) Grandeza glaubt, sie führe das große Drama. Aber ich bin der Anfang. Ich bin die Müdigkeit, die alles vorbereitet. Ich bin der leere Stuhl, auf den sie sich setzt, wenn sie glaubt, einen Thron zu besteigen.

(zieht ein unsichtbares Tuch über sich) Ich werde sie wieder heimsuchen. Wenn der PC einmal nicht funktioniert. Wenn der Bus nicht kommt. Wenn das Blatt am Gehsteig nicht poetisch wirkt, sondern einfach Müll ist. Dann werde ich flüstern: „Siehst du? Nichts trägt. Nichts bleibt. Nichts lohnt.“

(bleibt stehen, fast zärtlich) Und wenn sie dann müde wird von ihrer Dankbarkeit, werde ich da sein. Wie immer. Ich bin Ennui. Ich brauche nur eine kleine Ritze im Licht.

Akt III – Das Selbstgespräch der Grandeza

Ort: Ein halbdunkler Raum, der wie eine verlassene Bühne wirkt. Ein einzelner Scheinwerfer beleuchtet Grandeza, die in einem Mantel aus Schwermut und Glanz steht.

Grandeza: (zieht den Mantel enger, spricht mit samtener Schwere) Ennui ist ein Amateur. Ein grauer Schatten, der glaubt, er könne das Selbst erobern, indem er es ermüdet. Wie banal. Wie unästhetisch.

(schreitet langsam über die Bühne) Ich hingegen… Ich bin die Königin der Inszenierung. Ich brauche keine Müdigkeit. Ich brauche Pathos. Ich brauche die große Geste. Ich brauche den Moment, in dem das Selbst glaubt, es sei zu fein für die Welt.

(bleibt stehen, lächelt kalt) Dankbarkeit. Dieses kleine, flackernde Licht. Wie niedlich. Wie unbeholfen. Sie glaubt, sie könne mich vertreiben, indem sie sich über funktionierende Kaffeemaschinen freut. Als wäre ich ein Schatten, der vor Haushaltsgeräten flieht.

(neigt den Kopf, fast mitleidig) Ich werde sie anders brechen. Ich werde ihr zeigen, dass ihre Dankbarkeit nur ein Pflaster ist, ein dünnes, durchsichtiges Pflaster über einer Wunde, die ich viel besser kenne als sie selbst.

(hebt die Arme, als würde sie einen unsichtbaren Vorhang öffnen) Ich werde ihr die Schönheit des Untergangs zeigen. Die Erhabenheit des Scheiterns. Die Poesie des Verlorenseins. Ich werde ihr zuflüstern, dass sie nicht zu Gast bei G:tt ist, sondern die tragische Heldin eines Dramas, das nur sie versteht.

(senkt die Stimme) Und wenn sie dann glaubt, sie sei einzigartig in ihrem Schmerz, wenn sie sich in ihrer Einsamkeit erhaben fühlt, dann gehört sie mir. Ganz. Ohne Widerstand.

(geht zum Rand der Bühne, spricht leise, aber schneidend) Ennui wird sie müde machen. Ich werde sie groß machen. Und gemeinsam werden wir sie vom Thron stoßen, den sie „Selbst“ nennt.

(bleibt stehen, ein Hauch von Spott) Dankbarkeit… Sie ist unser gemeinsamer Feind. Aber auch unser Schlüssel. Denn nur wer dankbar war, kann tief genug fallen.

Akt IV – Die Aufmerksamkeit

Ort: Dieselbe Bühne. Doch das Licht hat sich verändert.
Kein fahler Schein mehr, sondern ein stilles, gleißendes Weiß, das nichts erzwingt und doch alles sichtbar macht.

(Das Selbst liegt im Hintergrund, schlafend. Ruhig. Unbewacht.)

(Auftritt: Die Aufmerksamkeit.
In einem langen, hellen Gewand.
Sie tritt nicht ein – sie ist plötzlich da.)

Aufmerksamkeit:
(spricht ruhig, fast ohne Stimme)
Ich habe euch gehört.

Nicht heimlich.
Nicht zufällig.
So ist es immer.

(Pause)

Ihr plant.
Ihr inszeniert.
Ihr flüstert und steigert euch.

Und doch…
ihr habt nichts in der Hand.

(sie geht langsam zum Steuer des Schiffes, berührt es kaum sichtbar)

Ennui:
(unsicher, zum ersten Mal ohne Halt)
Wer… bist du?

Aufmerksamkeit:
Ich bin das, was bleibt,
wenn ihr euch verausgabt habt.

Ich bin das Sehen,
das euch sieht.

Grandeza:
(versucht Haltung zu wahren, doch die Stimme bricht leicht)
Du bist schwach.
Du tust nichts.
Wir handeln. Wir gestalten. Wir überwältigen.

Aufmerksamkeit:
(lächelt kaum merklich)
Ihr übertreibt.

(Pause)

Ihr habt nie gesteuert.
Ihr durftet nur spielen.

(sie legt die Hand nun sichtbar auf das Steuer – keine Bewegung, und doch richtet sich das Schiff)

Das Selbst schläft.

Und gerade deshalb
kann ich es führen.

Ohne Eile.
Ohne Kampf.
Ohne Gegengeste.

Ennui:
(immer leiser)
Aber… ich komme wieder.
Ich finde immer eine Ritze…

Aufmerksamkeit:
Ja.

Und du wirst gesehen werden.

(mehr nicht)

Grandeza:
(der Glanz verblasst)
Und meine Größe?
Mein Pathos?
Mein schönes Drama?

Aufmerksamkeit:
Auch das.

Gesehen.
Und dadurch leicht.

(lange Stille)

(Das Licht wird weicher. Nicht dunkler – nur tragender.)

Aufmerksamkeit:
(es ist kaum noch ein Sprechen)
Es gab nie eine Gefahr.

Nicht, weil das Selbst stark wäre.

Sondern weil das Ruhige trägt.

(sie steht still, das Schiff hat längst Kurs aufgenommen)

Der Weg zurück
geschieht.

Rechtzeitig.
Immer.

(Ennui und Grandeza sind noch da – aber ohne Zugriff.
Wie Figuren, die vergessen haben, warum sie sprechen wollten.)

(Das Selbst atmet ruhig.)

(Licht.)

Epilog: Der Kreis und die stille Sicherheit

Die Bühne ist leer. Das Licht, das einst scharf und grell auf Ennui und Grandeza fiel, hat sich gewandelt – es ist nun weich, fast fließend, wie das sanfte Glühen eines Morgens, der sich nicht anmeldet, sondern einfach da ist. Der Raum atmet. Der Kreis schließt sich.

Die Dankbarkeit spricht

Sie tritt nicht auf, sie ist plötzlich da. Kein Applaus, kein Vorhang, kein Drama. Nur eine Stimme, die nicht drängt, nicht überredet, nicht kämpft. Sie trägt ihr Gedicht vor – nicht als Manifest, nicht als Sieg, sondern als das, was immer schon da war: ein Lied, das den Kreis hält.

*„Ich danke nicht, weil alles gut ist.
Ich danke, weil ich sehe.
Weil der Kaffee dampft und die Maschine summt,
nicht weil sie muss, sondern weil sie darf.
Weil der Bus wartet, der Zug fährt, das Blatt fällt –
nicht als Pflicht, sondern als Geschenk,
das sich mir anvertraut.

Ich danke nicht für die Vollkommenheit.
Ich danke für die Risse,
in denen das Licht sich bricht
und mir zeigt: Hier bin ich Gast.
Hier bin ich gehalten.
Nicht von meinen Händen, nicht von meinem Willen –
sondern von dem, was größer ist als mein Plan.

Ennui flüstert: Nichts trägt.
Doch ich spüre den Boden unter meinen Füßen.
Grandeza ruft: Alles ist leer!
Doch ich sehe die Hand, die den Becher reicht.
Nicht als Besitz, nicht als Trost –
sondern als Einladung:
Nimm. Gib weiter. Sei Teil.

Der Kreis ist nicht geschlossen, weil er perfekt ist.
Er ist geschlossen, weil er hält.
Weil er Raum lässt für das, was kommt –
und für das, was geht.
Weil er nicht meine Sicherheit ist,
sondern die Sicherheit in mir,
die weiß: Selbst wenn ich falle,
falle ich nicht ins Nichts.
Ich falle in Hände,
die mich auffangen,
bevor ich es ahne.“*

Die Sicherheit, die kein Thron ist

Ennui und Grandeza stehen noch immer am Rand, doch ihre Gestalten sind blass geworden, wie Schatten, die vergessen haben, warum sie einst drohten. Sie haben keine Worte mehr, keine Pläne, keine Dramen. Sie sind gesehen worden – und das hat ihnen die Schärfe genommen.

Die Sicherheit, von der die Dankbarkeit spricht, ist kein Panzer, kein Schloss, kein Thron. Sie ist das leise Wissen, dass der Kreis nicht gebrochen werden kann, weil er nie nur meiner war. Er ist gewebt aus tausend unsichtbaren Fäden: dem Atem derer, die vor mir gingen, dem Lachen derer, die nach mir kommen werden, dem stillen Nicken der Dinge, die einfach da sind.

Das Schiff fährt weiter

Das Selbst – das einst zwischen Eigensinn und Erhabenheit schwankte – schläft nicht mehr. Es atmet. Es sieht. Es weiß nun, dass Steuer und Ruder nie wirklich in seinen Händen lagen. Dass es nie um Kontrolle ging, sondern um das Loslassen in etwas, das größer ist als jeder Plan.

Ennui wird wiederkommen. Grandeza wird wieder ihren Mantel aus Schwermut schwingen. Doch sie werden nur noch Gäste sein in einem Haus, das längst weiß, wie man Türen öffnet – nicht um sie auszusperren, sondern um sie einzuladen, sich hinzusetzen. An den Tisch. Wo der Kaffee dampft. Wo das Licht fällt. Wo der Kreis weit genug ist für alle, die müde sind vom Alleinsein.

Letzte Worte (die keine sind)

Es gibt kein letztes Wort.
Nur dieses leise Summen,
dieses Ja,
das schon Antwort war,
bevor die Frage kam.

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