Es war einmal ein kleines Dorf, das so abgelegen lag, dass selbst die Landkarten es nur widerwillig einzeichneten. Die Menschen dort waren genügsam, ein wenig misstrauisch, aber im Grunde friedlich. Und sie hatten einen Bürgermeister, der früher für seine Bescheidenheit bekannt war. Er sprach wenig, arbeitete viel und mischte sich in nichts ein, das nicht unbedingt seine Aufmerksamkeit verlangte.
Doch seit seiner Wahl hatte sich etwas verändert.
Zuerst waren es nur kleine Regeln: dass man die Brunnen sauber halten müsse, dass man nachts nicht mehr so laut lachen solle, dass man die Hühner nicht frei herumlaufen lassen dürfe.
Dann kamen größere Regeln: eine Steuer auf das Brot, eine Gebühr für das Betreten des Marktplatzes, und schließlich — als Krönung seiner neuen Ordnung — eine Abgabe auf das Trinkwasser.
Die Menschen murrten, aber nur hinter verschlossenen Türen. Der Bürgermeister wirkte nicht böse, eher wie jemand, der sich selbst verloren hatte. Doch niemand wagte, ihm das zu sagen.
Eines Abends saßen beim Müller mehrere Dorfbewohner um den Tisch. Der Müller selbst sah müde aus, seine Hände waren rauer als sonst, und seine Mühle stand still — denn das Wasser, das sie antrieb, war nun so teuer geworden, dass der Betrieb kaum noch zu finanzieren war.
„Wenn das so weitergeht“, sagte der Müller, „kann ich die Mühle schließen. Ich zahle mehr für das Wasser, als ich mit dem Mehl verdiene.“
Die Bäckerin nickte. „Und ich zahle mehr für das Wasser, als ich für das Brot bekomme.“
Der Schmied brummte: „Wasser! Besteuert! Als wäre es Gold!“
Alle redeten durcheinander, leise, vorsichtig, aber voller Frust.
Da fragte die Tochter des Müllers, ein Mädchen mit wachen Augen: „Warum sagt denn niemand etwas?“
Stille.
Der Müller seufzte. „Weil niemand der Erste sein will. Und weil der Bürgermeister nicht mehr zuhört.“
Das Mädchen dachte nach. „Wer könnte denn helfen?“
Die Bäckerin lachte bitter. „Da müsste schon eine Fee kommen.“
Der Schmied schnaubte. „In dieser Gegend gibt es keine Feen.“
„Nein“, sagte der Müller. „Nur eine alte Hexe, tief im Wald. Aber die mischt sich in nichts ein.“
Das Mädchen stand auf. „Dann gehe ich zu ihr.“
„Allein?“, rief der Müller.
„Ja“, sagte sie. „Wenn niemand sonst etwas tut.“
Und bevor jemand sie aufhalten konnte, war sie schon zur Tür hinaus.
Der Weg zur Hütte der Hexe war lang und voller Schatten. Doch das Mädchen ging entschlossen, Schritt für Schritt, bis sie die kleine, windschiefe Hütte erreichte, aus deren Kamin ein dünner Faden blauen Rauchs stieg.
Die Hexe saß vor der Tür, als hätte sie das Mädchen erwartet.
„Du willst etwas“, sagte sie.
„Ja“, antwortete das Mädchen. „Unser Bürgermeister ist nicht mehr der, der er war. Er besteuert sogar das Wasser. Die Menschen haben Angst. Bitte — helft uns.“
Die Hexe sah sie lange an. Dann nickte sie.
„Gut. Ich komme.“
Der Bürgermeister saß in seinem großen Stuhl, der ihm inzwischen zu gut gefiel. Als die Hexe ohne Anklopfen eintrat, hob er die Augenbrauen.
„Ihr habt keinen Termin“, sagte er.
„Ich brauche keinen“, antwortete sie und setzte sich ihm gegenüber.
Er war irritiert, dann verärgert, dann unsicher. Sie lächelte nur.
Bürgermeister: „Was führt Euch her? Wenn Ihr wegen der Wasserabgabe kommt — sie ist notwendig. Ordnung muss sein.“
Hexe: „Ordnung ist gut. Aber Durst ist stärker.“
Bürgermeister: „Die Menschen verstehen nicht, was Verantwortung bedeutet. Sie verschwenden, sie klagen, sie erwarten, dass ich alles löse.“
Hexe: „Und deshalb besteuert Ihr das Wasser?“
Bürgermeister: „Es zwingt sie zur Disziplin.“
Hexe: „Nein. Es zwingt sie zum Schweigen.“
Er zuckte zusammen, als hätte sie ihn berührt.
Bürgermeister: „Ich muss streng sein. Wenn ich nachgebe, verliere ich die Kontrolle.“
Hexe: „Vor wem habt Ihr eigentlich Angst? Vor ihnen — oder vor Euch selbst?“
Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Zum ersten Mal seit Monaten wusste er nicht, was er sagen sollte.
Hexe: „Ihr wart nie ein Freund der Menschen. Aber Ihr wart gerecht. Jetzt seid Ihr nur noch misstrauisch — und das ist eine schlechte Grundlage für Macht.“
Bürgermeister: „Ich… ich wollte nur, dass alles funktioniert.“
Hexe: „Es funktioniert nicht. Es gehorcht nur.“
Sie beugte sich vor.
Hexe: „Ein Bürgermeister, der Wasser besteuert, hat Durst nach etwas anderem.“
Bürgermeister: „Nach was?“
Hexe: „Nach Bedeutung. Nach dem Gefühl, gebraucht zu werden. Aber Bedeutung kommt nicht durch Regeln. Sie kommt durch Maß.“
Er sah sie lange an. Dann sank er ein wenig in seinem Stuhl zusammen, als hätte jemand die Luft aus ihm gelassen.
Bürgermeister: „Was soll ich tun?“
Hexe: „Tu, was du früher getan hast: wenig. Und das gut.“
Da musste er lachen — ein trockenes, ehrliches Lachen, das ihn selbst überraschte.
Am nächsten Morgen hob der Bürgermeister die Wassersteuer auf. Die Wachen verschwanden. Er hielt eine kurze Rede, die niemand erwartet hatte:
„Ich habe mich verrannt. Ihr habt es gewusst. Ich nicht.“
Die Menschen waren verwirrt, dann erleichtert. Und manche fragten sich, wer wohl den Mut gehabt hatte, ihm die Wahrheit zu sagen.
Die Hexe war verschwunden, wie sie gekommen war.
Am Abend saß der Bürgermeister vor seinem Haus, trank Wasser aus dem Brunnen und sagte leise:
„Manchmal braucht es jemanden, der keine Angst hat, die Wahrheit zu sagen.“
Der Wind trug die Worte davon, und das Dorf atmete wieder.