Ein Herold für den Wald

Im alten Wald stand einst ein Baum, den alle nur den Herold nannten. Er war kein besonders hoher Baum, kein besonders schöner, doch seine Rinde trug die Spuren von Jahrhunderten. Wenn der Wind durch seine Zweige strich, hörte man darin die Stimmen aller Bäume, gesammelt, geordnet, weitergegeben.

Doch eines Sommers, als die Hitze früh kam und der Regen ausblieb, begann der Herold zu verdorren. Seine Krone wurde dünn, seine Stimme brüchig. Und eines Morgens, als die Tiere erwachten, stand er still da — stumm, wie ein vergessenes Wort.

Die Bäume wussten: Ein Wald ohne Herold ist ein Wald ohne Richtung.

In der Dämmerung rief die alte Eiche zur Versammlung. Alle kamen: die Linde, die Buche, die Birke, der Ahorn, selbst die scheuen Tannen vom Nordhang.

„Wir brauchen einen neuen Herold“, sagte die Eiche. „Jemand muss unsere Stimmen tragen, sonst werden wir einander verlieren.“

Ein Wind ging durch die Kronen, als wollten die Bäume zustimmen.

Zuerst wandten sie sich an die Silberlinde, deren Blätter im Mondlicht leuchteten. „Du hast eine klare Stimme“, sagten sie. „Sei du unser Herold.“ Doch die Linde antwortete: „Ich spende Schatten den Wanderern und Duft den Bienen. Meine Aufgabe ist das Trösten, nicht das Rufen.“

Dann baten sie die alte Buche, deren Stamm Geschichten trug. „Du kennst die Zeit besser als wir alle.“ Die Buche neigte ihre Krone. „Ich bin zu schwer geworden für die Wege des Windes. Ein Herold muss leicht sein.“

Sie wandten sich an die Birke, jung und hell. „Du bist voller Leben.“ Doch die Birke flüsterte: „Ich wachse noch. Ein Herold muss stehen können, wenn andere schwanken.“

Jeder Baum hatte eine Aufgabe, die er nicht verlassen konnte. Und gerade die Würdigen wollten nicht herrschen.

Am Rand der Lichtung raschelte es. Ein Dornbusch, klein, trocken, aber laut, hob seine Zweige.

„Wenn ihr keinen Herold findet — ich will es sein! Ich werde eure Stimme sein, eure Stärke, euer Schutz. Kommt unter meinen Schatten!“

Die Bäume sahen einander an. Der Dornbusch hatte kaum Schatten. Und seine Dornen waren scharf wie kleine Drohungen.

Da flog der alte Waldkauz herab und setzte sich auf den toten Herold‑Baum.

„Hört mich an“, sagte er. „Ein Herold, der sich selbst anbietet, trägt nicht die Stimmen der anderen — er trägt nur seine eigene. Und ein Dornbusch, der Schatten verspricht, bringt oft nur Feuer.“

Die Bäume schwiegen. Der Wind schwieg mit ihnen.

Allen war klar: Sie konnten den Dornbusch wählen — oder weiter warten, weiter hoffen, weiter suchen.

Die Nacht senkte sich über den Wald.

„Wer soll sprechen — der, der herrschen will?“

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