Ist auch die Vergangenheit noch offen?
Wir sind gewohnt, die Vergangenheit als unveränderlich und die Zukunft als offen zu betrachten. Was geschehen ist, steht fest. Was erst geschehen wird, scheint dagegen noch verschiedene Möglichkeiten zuzulassen.
Doch warum sollte das so sein?
Die Relativität der Gleichzeitigkeit stellt die Vorstellung einer universellen Gegenwart infrage, an deren Grenze eine offene Zukunft in eine endgültig festgelegte Vergangenheit übergeht.
Eine bekannte Antwort darauf ist das sogenannte Blockuniversum: Vergangenheit und Zukunft liegen gleichermaßen vollständig ausgestaltet vor.
Meine neue Arbeit untersucht die entgegengesetzte Möglichkeit: Vielleicht sind Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen ontologisch offen. Der entscheidende Unterschied könnte darin liegen, dass die Vergangenheit für uns kausal unerreichbar ist, während wir auf Teile unserer Zukunft noch Einfluss nehmen können.
Ein besonders anschauliches Gedankenexperiment liefert Schrödingers Katze.
Wir öffnen die Kiste und finden die Katze tot vor – bereits in Totenstarre. Daraus schließen wir, dass sie schon vor einiger Zeit gestorben sein muss.
In der bekannten quantenmechanischen Überlagerungsdarstellung ist jedoch vor der Feststellung noch kein eindeutiges Messergebnis ausgewählt. Könnte es daher sein, dass sich erst mit der späteren Feststellung eine bereits früher begonnene Geschichte ontologisch eindeutig ausgestaltet?
Das würde nicht bedeuten, dass die Katze erst beim Öffnen der Kiste stirbt oder dass eine physikalische Wirkung rückwärts durch die Zeit läuft. Die kausale Reihenfolge – Tod, körperliche Veränderungen, Totenstarre – bliebe erhalten.
Nicht die Vergangenheit müsste nachträglich verändert werden. Vielmehr könnte ihre eindeutige ontologische Bestimmung erst später erfolgen.
Die Arbeit setzt sich auch mit verwandten Überlegungen aus der Quantenmechanik auseinander, insbesondere mit der relationalen Quantenmechanik und Wheelers Delayed-Choice-Experimenten.
Ein Beweis für eine ontologisch offene Vergangenheit ist damit nicht erbracht. Das Gedankenexperiment der Katze liefert jedoch eine anschauliche Interpretation, durch die diese Möglichkeit über eine bloß abstrakte Behauptung hinausgeht.
Die zentrale Unterscheidung lautet:
Kausale Unerreichbarkeit ist nicht dasselbe wie ontologische Unveränderlichkeit.
Vielleicht können wir die Vergangenheit nicht mehr beeinflussen, ohne dass daraus schon folgt, dass sie in einem absoluten ontologischen Sinn endgültig festgelegt sein muss.
Das Paper versteht sich als philosophischer Beitrag zu dieser offenen Frage. Es stellt der vollständig ausgestalteten Raumzeit eine andere, ebenfalls nicht abschließend bewiesene Möglichkeit gegenüber: eine grundsätzlich offene Wirklichkeit, in der Vergangenheit und Zukunft nicht durch unterschiedliche Grade der Festgelegtheit, sondern durch unsere kausalen Beziehungen zu ihnen unterschieden werden.
Veröffentlichung:
Eigler, D. (2026). The Open Past and the Open Future. Zenodo.