Das Gleichnis Von den beiden Söhnen – Tun oder Reden, 17.9.2026

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Glaubenszeugnis am 27. 9. 2026, 26. So Jk A (Mt 21,28-32, Ez 18, 25-28, Phil 2, 1-11)

Ist jemandem von Ihnen eigentlich schon einmal aufgefallen, dass das Buch, aus dem hier im Gottesdienst die Lesungen vorgetragen werden, und das Buch, das während der Woche am kleinen Pult rechts vorne aufliegt, rechts von Ihnen aus gesehen, nicht dasselbe Buch sind?

Diese Woche können Sie die Probe aufs Exempel machen. In den beiden Büchern stehen nämlich zwei unterschiedliche Fassungen derselben Evangelienstelle, Matthäus 21,28–32.

In dem einen Buch heißt es:

„Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt?“
Sie antworteten: „Der erste.“

Im anderen steht, scheinbar genau umgekehrt:

„Wer von den beiden hat den Willen des Vaters erfüllt?“
Sie antworteten: „Der zweite.“

Die revidierte Einheitsübersetzung von 2016 hat hier tatsächlich die Plätze der beiden Söhne vertauscht. Da die Lektionarien stets der geltenden Fassung der Einheitsübersetzung folgen, tut das auch das in den Gottesdiensten benutzte Lektionar. Im anderen Buch, das noch den Text der alten Einheitsübersetzung enthält, kommt zuerst der Sohn, der Ja sagt, aber nicht hingeht. Danach kommt der Sohn, der zunächst Nein sagt, es dann bereut und doch geht. Deshalb lautet die richtige Antwort dort: der zweite.

In der revidierten Einheitsübersetzung, die wir gehört haben,  kommt dagegen zuerst der Sohn, der Nein sagt und dann doch geht. Deshalb lautet die Antwort hier: der erste.

Die beiden Fassungen widersprechen einander also nicht. Ihre Kernaussage ist dieselbe: Derjenige erfüllt den Willen des Vaters, der zunächst Nein sagt, dann aber umkehrt und tatsächlich handelt. Nicht das gesprochene Ja entscheidet, sondern das getane Ja.

Ganz einfach ist die Überlieferungsgeschichte dennoch nicht. Der Wiener Theologe Oliver Achilles zeigt, dass es alte Handschriften gibt, in denen die Reihenfolge der Söhne und die darauf gegebene Antwort nicht in dieser Weise zusammenpassen. Dort weisen die Gesprächspartner Jesu ausgerechnet auf den Sohn, der Ja sagt, aber nicht handelt. Das bedeutet jedoch nicht ohne Weiteres, dass Jesus diesen Sohn für den richtigen erklärt, sondern dass dies seinen Gegnern in den Mund gelegt wird.

Spannend ist auch folgende Beobachtung.

Im Matthäusevangelium sagt Jesus:

„Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.“
(Mt 12,30; ebenso Lk 11,23)

Im Markusevangelium heißt es dagegen:

„Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.“
(Mk 9,40)

Bei Lukas findet sich diese zweite Aussage in einer leicht veränderten Form:

„Denn wer nicht gegen euch ist, der ist für euch.“
(Lk 9,50)

Ist es also beliebig, was man aus der heutigen Stelle von den beiden Söhnen herausliest? Lesen wir am Ende nur das heraus, was irgendwann jemand in den Text hineingelesen hat?

Nein, beliebig ist es nicht. Die unterschiedlichen Überlieferungen setzen uns Grenzen. Versuchen wir aber einmal, diese Geschichte gegen den Strich zu lesen.

In der dritten Fassung des Streitgesprächs weisen die Hohepriester und Ältesten auf den scheinbar falschen Sohn: auf denjenigen, der zwar Ja sagt, aber nicht handelt. Vielleicht tun sie das, um ihr eigenes Verhalten zu rechtfertigen oder zu kaschieren. Vielleicht kennen sie die richtige Antwort sehr wohl, wollen sie aber nicht aussprechen, weil sie sich damit selbst verurteilen würden.

Diese Deutung ist keineswegs eine neue Erfindung. Oliver Achilles weist in seinem Beitrag über das Gleichnis darauf hin, dass bereits der Kirchenvater Hieronymus diese Möglichkeit erwogen hat. Hieronymus hielt zwar jene Fassung für richtig, in der die Befragten auf den tatsächlich handelnden Sohn zeigen. Er erklärte aber auch, wie die schwierige Antwort „der Letzte“ verstanden werden könnte: Die Befragten hätten die Wahrheit erkannt, würden ihr jedoch ausweichen und wollten nicht sagen, was sie wirklich denken. Ähnlich hätten sie in der Bibelstelle unmittelbar zuvor sehr wohl gewusst, dass die Taufe des Johannes vom Himmel kam, es aber nicht zugeben wollen.

Achilles macht zugleich darauf aufmerksam, dass Hieronymus diese Auslegung antijüdisch zuspitzt und den nicht handelnden Sohn pauschal mit Israel gleichsetzt. Diese Verallgemeinerung müssen wir nicht übernehmen. Im Evangelium richtet sich Jesus hier konkret an die Hohepriester und die Ältesten des Volkes.

Unter dieser Voraussetzung wäre die scharfe Entgegnung Jesu besonders leicht zu verstehen: Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als Menschen, die zwar wissen, was richtig wäre, dieses Wissen aber verdrehen, um ihr eigenes Verhalten zu rechtfertigen.

Doch auch in den beiden Fassungen unserer Lektionare ist die Antwort Jesu verständlich. Dort geben die Hohepriester und Ältesten die richtige Antwort: Derjenige erfüllt den Willen des Vaters, der zunächst Nein sagt, dann aber umkehrt und handelt.

Jesus verurteilt nicht diese Antwort. Im Gegenteil: Er nimmt sie ernst und hält sie den Antwortenden wie einen Spiegel vor. Sie wissen ja genau, welcher Sohn richtig handelt. Aber sie erkennen nicht, dass sie selbst dem anderen Sohn gleichen: Sie sagen Ja zu Gott, glauben Johannes dem Täufer jedoch nicht und kehren auch dann nicht um, als sie sehen, dass sogar Zöllner und Dirnen ihm glauben, oder dann gerade erst recht nicht.

Gerade weil sie richtig geantwortet haben, trifft sie das Urteil Jesu. Sie kennen die richtige Antwort – aber sie ziehen daraus für sich selbst keine Konsequenz.

Ich möchte an dieser Stelle noch eine kleine Lanze für die Pharisäer und Schriftgelehrten brechen. Sie waren keine einheitliche Gruppe, und ihre Theologie war der Verkündigung Jesu keineswegs immer einfach fremd. Jesus selbst war Jude, und viele seiner Auseinandersetzungen mit den Pharisäern waren innerjüdische Auseinandersetzungen darüber, wie Gottes Wille im täglichen Leben verwirklicht werden soll.

Während die Sadduzäer eng mit der Jerusalemer Priesteraristokratie und dem Tempel verbunden waren, wollten die Pharisäer die Heiligung nicht auf den Tempel beschränken. Die Tora sollte den Alltag prägen: Essen und Arbeiten, Sabbat und Reinheit, Ehe und Zusammenleben. Darin standen sie Jesus durchaus nahe. Vielleicht waren ihre Auseinandersetzungen gerade deshalb so heftig: Man streitet oft besonders scharf mit denen, die einem nahestehen und von denen man sich doch an einem entscheidenden Punkt unterscheidet.

Dieser Unterschied lässt sich jedoch nicht einfach so beschreiben, als hätten die Pharisäer aus Angst vor Gott gehandelt, Jesus dagegen aus Liebe. Wir können den einzelnen Menschen nicht ins Herz sehen. Auch unter den Schriftgelehrten gab es Menschen, denen die Liebe zu Gott und zum Nächsten wichtiger war als der äußere Vollzug. Zu einem von ihnen sagt Jesus ausdrücklich: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes.“

Jesu Kritik richtet sich deshalb nicht gegen die Tora und nicht gegen das Bemühen, Gottes Willen im Alltag zu erfüllen. Sie richtet sich gegen die Gefahr, dass zwischen dem richtigen Wort und dem wirklichen Leben eine Kluft entsteht. Jesus verlangt die Übereinstimmung von Herz, Wort und Tat: das Rechte nicht bloß kennen und bekennen, sondern es aus Liebe zu Gott und zum Menschen tatsächlich tun.

Damit führt uns das Gleichnis nicht dazu, über andere Menschen zu urteilen. Es stellt vielmehr jedem von uns dieselbe Frage: Wo sage ich Ja und gehe dennoch nicht? Und wo finde ich den Mut, nach einem ersten Nein umzukehren und schließlich doch zu handeln?

Noch zwei Gedanken zu den Lesungen.

In der Lesung aus dem Buch Ezechiel hören wir zunächst ein hartes Wort: Wenn ein Gerechter sich von seiner Gerechtigkeit abwendet und Unrecht tut, wird ihn auch seine bisherige Gerechtigkeit nicht retten. Doch ebenso gilt die andere Richtung: Wenn ein schuldig gewordener Mensch sein Unrecht erkennt, umkehrt und wieder nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird er am Leben bleiben.

„Gerecht“ und „schuldig“ sind hier also keine Etiketten, die einem Menschen für immer aufgeklebt bleiben. Weder kann sich der Gerechte auf seiner Vergangenheit ausruhen, noch ist der Schuldige für alle Zukunft verloren. Entscheidend ist, wohin er sich jetzt wendet. Darin liegt auch eine Warnung davor, einen Menschen vorschnell und endgültig zu verurteilen. Solange Umkehr möglich ist, kann der Weg aus dem Tod wieder zum Leben führen.

In der Lesung aus dem Brief an die Philipper begegnet uns eine andere Bewegung. Christus hielt nicht an seiner göttlichen Stellung fest. Er entäußerte sich, wurde den Menschen gleich und nahm die Gestalt eines Sklaven an. Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Doch dieser tiefste Punkt war nicht das Ende: Gott hat ihn über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen.

Das ist keine Umkehr Jesu vom Unrecht zum Recht. Es ist die Verwandlung der Erniedrigung in Erhöhung, des scheinbaren Scheiterns in Vollendung und des Todes in Leben. Auch wo alles aussichtslos erscheint, muss der erreichte Tiefpunkt nicht Gottes letztes Wort sein.

Damit schließt sich der Bogen zum Sohn im Evangelium. Vielleicht haben wir hundertmal keine Lust gehabt. Vielleicht haben wir neunundneunzigmal nicht getan, was richtig gewesen wäre. Aber auch das neunundneunzigste muss nicht unser letztes Mal bleiben. Wir können uns immer noch eines Besseren besinnen, umkehren und schließlich doch das Rechte tun.

Das Vergangene wird dadurch nicht ungeschehen. Aber es muss auch nicht endgültig über unsere Zukunft bestimmen. Solange wir leben, bleibt die Möglichkeit, aus einem gesprochenen Nein ein gelebtes Ja werden zu lassen.

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